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🌿Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit wird oft beschrieben als die Fähigkeit, im gegenwärtigen Moment präsent zu sein. Doch es geht um mehr als das: nicht nur, mit unserer Aufmerksamkeit im Augenblick zu sein, sondern uns dabei dessen gewahr zu sein, was gerade geschieht – auch im Außen, vor allem aber in uns selbst. Und all dies getragen von einer freundlichen und offenen inneren Haltung.

Achtsamkeit lädt uns ein, immer wieder innezuhalten und in einen wachen, direkten Kontakt mit unserer Erfahrung im Hier und Jetzt zu kommen: mit unseren Körperempfindungen, unseren Gefühlen, unseren Gedanken und mit dem, was wir über unsere Sinne wahrnehmen. Vieles davon läuft sonst unbemerkt ab.

Die Hinwendung zum gegenwärtigen Moment ist dabei ein wesentliches Prinzip – denn einen großen Teil unseres Lebens verbringen wir gewöhnlich woanders, in Gedanken an das, was war, oder an das, was kommen könnte.

Im buddhistischen Verständnis meint Achtsamkeit noch etwas mehr, als das deutsche Wort nahelegt. Der Pali-Begriff sati bedeutet ursprünglich auch Erinnern, Vergegenwärtigung. Es geht also nicht nur darum, wahrzunehmen, was gerade geschieht – sondern zugleich darum, sich daran zu erinnern, was heilsam ist und weiterhilft.

Deshalb ist Achtsamkeit nicht nur eine Form von Aufmerksamkeit, sondern zugleich eine innere, gelebte Haltung – getragen von Qualitäten wie Freundlichkeit, Wohlwollen, Mitgefühl,  Geduld, Akzeptanz und Gleichmut - uns selbst und anderen gegenüber. Ohne diese Herzensqualitäten bliebe sie nüchterne Aufmerksamkeit.

Diese inneren Haltungen bilden auch die Grundlage aller meiner Kurse. Sie werden dort nicht nebenbei erwähnt, sondern sind fester Bestandteil – in den Impulsen ebenso wie in den Übungen und Meditationen.

 

Dem Selbstmitgefühl und den vier Brahmavihāras – liebevolle Güte (Mettā), Mitgefühl (Karuṇā), Mitfreude (Muditā) und Gleichmut (Upekkhā) – sind darüber hinaus eigene Kurse gewidmet.

In der Praxis der Achtsamkeit erwacht etwas in uns, das oft der innere Beobachter genannt wird: eine wache und zugleich freundliche Instanz, die wahrnimmt, was geschieht, ohne sich darin zu verlieren. Manchmal ergreift uns ein Gefühl so sehr, dass es sich wie ein Gewitter in uns anfühlt. Achtsamkeit macht hier einen feinen, aber entscheidenden Unterschied:
Wir bemerken das Gefühl und betrachten es – ah, da ist Ärger – mit Neugier statt mit Widerstand. Das ist etwas anderes, als ganz von Ärger vereinnahmt zu sein. Wir beobachten das Gewitter, statt es zu sein.

In diesem Bemerken liegt ein kleiner Abstand – ein Raum, aus dem heraus wir klarer sehen und bewusster handeln können. So wird es nach und nach möglich, automatische Reiz-Reaktions-Muster zu durchbrechen und neue Perspektiven zu gewinnen: eine offenere, bewusstere und klarere Weise, uns selbst und das Leben wahrzunehmen und darauf zu antworten – im Einklang mit unseren Werten und Bedürfnissen.

Achtsamkeit greift bei all dem nicht auf etwas Fremdes zurück: Sie nutzt Fähigkeiten und Qualitäten, die bereits in uns angelegt sind, bringt sie immer wieder neu zum Vorschein und lässt sie sich weiter entfalten.

Achtsamkeit ist kein Ideal, dem wir entsprechen müssten – immer wach, immer präsent, immer ruhig, immer klar und bewusst. So ist sie nicht gemeint, und das wäre auch gar nicht zu erfüllen. Wir sind alle nur Menschen. Es geht nicht um Perfektion oder Selbstoptimierung.

Sie bedeutet auch nicht, alles unter Kontrolle zu haben – und ebenso wenig, schwierige Gefühle wegzumeditieren. Nicht Kontrolle – sondern Kontakt.

Achtsamkeit zeigt sich auch gerade dort, wo wir bemerken, dass wir gerade nicht achtsam sind. Dass ich verstrickt bin. Dass ich vielleicht aus einem alten Muster heraus reagiere. Entscheidend ist dann, wie ich mir selbst begegne: ob ich mir das zugestehe, freundlich und geduldig, oder ob ich mich dafür verurteile. Gerade auch dieses freundliche Bemerken ist ein Akt der Achtsamkeit.

Achtsamkeit ist gewissermaßen Weg und Ziel zugleich: Achtsam zu sein ist das Ziel – und das bewusste Üben, die Achtsamkeitspraxis, ist der Weg dorthin. Und doch ist Achtsamkeit kein Ziel, das man erreicht und dann abhaken kann. Sie bleibt ein Weg – ein Weg, der in jedem Moment neu beschritten wird.

Wie ein Same, der zuerst Wurzeln schlägt, bevor er zur Pflanze heranwächst, so kann auch die Achtsamkeit durch die Praxis wachsen und aufblühen, wenn wir ihr Raum und Zeit geben. Und wenn wir sie für uns als wertvoll erkennen und regelmäßig üben, kann sie mit der Zeit zu einer heilsamen Haltung werden.

 

Achtsamkeit ist keine neue Erfindung. Ihre Wurzeln hat sie in der buddhistischen Weisheitslehre, wo sie seit über zweieinhalbtausend Jahren geübt wird – als ein Weg, sich aus Leid zu befreien. Man muss jedoch keiner Religion oder Tradition angehören, um Achtsamkeit zu praktizieren. In den 1970er Jahren haben Medizin und Psychologie sie für sich wiederentdeckt und in einen säkularen Rahmen gestellt, losgelöst von ihrem religiösen Zusammenhang. In den Westen kam sie vor allem durch Jon Kabat-Zinn, der 1979 an der Universitätsklinik von Massachusetts das Trainingsprogramm „Stressbewältigung durch Achtsamkeit" (MBSR) entwickelte.

Auch meine Kurse stehen in der Tradition dieses Programms. Zugleich ist mir die spirituelle Wurzel der Achtsamkeit wichtig – die lebendige Weisheitstradition, aus der sie stammt, und die Fragen, die über Stressbewältigung hinausreichen. Für mich gehört beides zusammen.

 

Achtsamkeit bedeutet für mich letztlich auch, die Natur des Lebens tiefer zu verstehen – den stetigen Wandel, die Verbundenheit allen Seins und dass nichts aus sich selbst heraus besteht.

So verstanden ist sie weit mehr als eine Methode zur Stressbewältigung. Sie ist eine Weise zu sein und zu leben – ein Weg der inneren Schulung, ein Übungsweg des Herzens, der uns in einer Welt, die immer komplexer und herausfordernder wird, Orientierung, Halt und inneren Frieden schenken kann. Man könnte auch von Seelenfrieden sprechen – wobei Seele hier nichts Festes meint, sondern unser lebendiges inneres Erleben. Und zugleich ist sie ein Weg zu mehr Einsicht, Bewusstheit und einem tieferen Verständnis des Lebens.

Mehr dazu im Beitrag: Achtsamkeit – mehr als eine Methode

Wie wirkt Achtsamkeit?

Meditationen zum Kennenlernen

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Meditationspraxis ist keine passive, luxuriöse Nabelschau
für Menschen, die der Härte unserer komplexen Welt entfliehen möchten.
Bei Achtsamkeit und Meditation geht es darum, uns tiefgreifend zu verändern,
um selbst die Veränderung zu sein, die diese Welt braucht.

 

Larry Yang

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